Autor Thema: X-Men Origins: Wolverine - Workprint  (Gelesen 1989 mal)

Offline Breakman

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X-Men Origins: Wolverine - Workprint
« am: 03. April 2009, 15:03:02 »
Sehr guter Beitrag, wie ich finde, aber lest selbst:


Nikki Finke wusste es mal wieder zuerst: Von “X-Men Origins: Wolverine”, der nächsten Monat ins Kino kommt, landete vorgestern eine Raubkopie im Internet.

20th Century Fox äußert sich dazu in einer Pressemeldung wie folgt:

“Last night, a stolen, incomplete and early version of X-Men Origins: Wolverine was posted illegally on a website. It was without many effects, had missing and unedited scenes and temporary sound and music. We immediately contacted the appropriate legal authorities and had it removed. We forensically mark our content so we can identify sources that make it available or download it. The source of the initial leak and any subsequent postings will be prosecuted to the fullest extent of the law – the courts have handed down significant criminal sentences for such acts in the past. The FBI and the MPAA also are actively investigating this crime. We are encouraged by the support of fansites condemning this illegal posting and pointing out that such theft undermines the enormous efforts of the filmmakers and actors, and above all, hurts the fans of the film.”

Es dürfte niemanden wundern, dass all das “huffing and puffing” nichts bringt: Dieser Geist will nicht mehr in die Flasche zurück. Eine Torrent-Suchseite meldet mehr als eine Millionen aktiver “Seeds”, es gibt den Film über die Esel-Connection ebenso leicht zu laden wie bei den entsprechenden Newsgroups.

Ob es Fox passt oder nicht: Der Film wurde am 31.März statt am 1.Mai veröffentlicht, und zwar als Video On Demand.

Ich habe die Probe aufs Exempel gemacht: es dauerte keine halbe Stunde, um die 1 Gigabyte große Divx-Datei auf den Rechner zu ziehen. Laufzeit knapp 1 Stunde und 47 Minuten. Die sehr gute Bild- und Tonqualität lassen auf einen direkten DVD-Rip “an der Quelle” schließen, es gibt nicht einmal ein Wasserzeichen, oder das periodisch eingeblendete Logo des Studios, wie man es von Presse- und Oscar-Screenern her kennt.

Und in der Tat: Es ist eine unfertige Arbeitskopie. Der Schnitt der Szenen wirkt zwar komplett, aber viele der CGI-Effekte befinden sich noch im Zustand grober Animatics - das sind einfache Animationen ohne Strukturen und Details. Bei der ersten “X-Men”-DVD waren einige davon als Extras dabei gewesen. In anderen Szenen kann man sehen, wie Hugh Jackman bei Sprüngen von Drahtseilen gehalten wird - hier war man mit der digitalen Retusche noch nicht fertig.

Nachdem ich den Zustand des Workprint begutachtet hatte, habe ich die Datei wieder gelöscht. Ich werde mir den Superhelden-Film, in den ich große Hoffnungen setze, doch nicht als halbgaren Rohschnitt auf meinem Notebook ansehen.

“Wolverine” ist Kino, und dafür bezahle ich gerne acht Euro:

Ich habe den Verdacht, “Wolverine” wird trotz der im Umlauf befindlichen Raubkopie im Kino gut abräumen.

Aber die Panik, die nun ausgebrochen ist, bietet vielleicht die Gelegenheit, sich noch einmal ein paar Gedanken zum Thema Raubkopien zu machen. Ich kann das nicht mit Zahlen und Marktforschung belegen - aber ich beschäftige mich mit Raubkopien, seit ich1987 das Buch “Chip-Generation” von Horx gelesen habe, und Ende der 80er das erste Mal Besuch von der Polizei hatte (natürlich ergebnislos). Die Argumente haben sich nicht geändert: Raubkopien treiben Firmen in den Bankrott, lassen Künstler verarmen,schädigen die Volkswirtschaft, und unterstützen indirekt Drogenhandel und Terrorismus.

FAKT: Es gibt eine direkte Korrelation zwischen dem kommerziellen Erfolg eines Film, und der Anzahl der im Umlauf befindlichen Raubkopien. Eine große Zahl von Bootlegs schadet einem Release nicht, sondern reflektiert nur das Interesse an ihm. Gerade die Filme, die an den Kinokassen mehrere Hundert Millionen Dollar einspielen, werden im Netz bevorzugt raubkopiert: “Harry Potter”, “Star Wars”, “Spiderman”, etc. Mehr Raubkopien bedeuten eben nicht, dass weniger ins Kino gegangen wird. Auch die Verkäufe des aktuellen “Harry Potter”-Romans haben augenscheinlich nicht darunter gelitten, dass 12 Stunden nach Verkaufsstart eine gescannte Kopie im Netz war. Darum konkretisiert oder belegt die Industrie auch niemals die Behauptung, man habe massive Verluste durch Raubkopien. Der einzige Film, bei dem ein Produzent tatsächlich behauptet hat, Raubkopien seien für den mangelnden Kinoerfolg verantwortlich? “Soul Plane”.

FAKT: Die meisten Prerelease-Raubkopien stammen aus den Studios. Von 19 Oscar-nominierten Filmen waren dieses Jahr 16 bereits zur Verleihung als DVD-Raubkopie im Netz. Schauspieler Carmine Caridi wurde angeklagt, seine Screener an einen Raubkopierer weitergegeben zu haben. Die “Wolverine”-Arbeitskopie wurde allem Anschein nach nicht von einem Einbrecher gestohlen, sondern von einem Mitarbeiter. Die Industrie ist nicht in der Lage, vor der eigenen Tür zu kehren, und Sicherheitslecks in den eigenen Reihen zu schließen.

FAKT: Es gibt keinen direkten Zusammenhang zwischen Raubkopien und dem Interesse am Kino. Jahrelang hat die Industrie einen Zusammenhang zwischen den rückläufigen Zuschauerzahlen und Raubkopien behauptet, gleichzeitig aber ausgeblendet, dass der sensationelle Erfolg der DVD seit 1997, und das steigende Angebot alternativer Medien (Internet, Pay TV)  ebenfalls damit zu tun haben könnte. Aktuell steigen die Kino-Besucherzahlen wieder: Am letzten März-Wochenende um 37 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Niemand behauptet aber, es müsse demzufolge einen Rückgang der Raubkopierer-Aktivitäten geben.

FAKT: Raubkopien sind ursächlich mitverantwortlich für den rasenden Fortschritt in der Unterhaltungsindustrie. Das Internet selbst verdankt seinen Erfolg weitgehend illegal geladener Pornographie, Datenformate wie MP3, JPG und Divx setzten sich GEGEN den Willen der Industrie durch, weil sie einfach zu tauschen waren. Der Wille der Konsumenten hat eine Vereinheitlichung der Normen erzwungen, zu der die Industrie nie in der Lage war (siehe Bluray/HDDVD, Microdisk, Einweg-DVD, MP3pro, Jpeg2000, DRM). Der Markt für MP3-Player wäre niemals in diesem Maße vorangekommen, wenn das Produkt durch überall verfügbare Musikdateien nicht attraktiv gemacht worden wäre. Auf dieser Basis schaffen Raubkopien indirekt Umsatz.

FAKT: Die wenigsten Raubkopien haben einen kommerziellen Hintergrund. Klar kann man in Chinatown in New York bei Strassenhändlern Raubkopien von Musik und Filmen für ein paar Dollar kaufen. Aber die breite Masse der Raubkopien geht über Torrent und Emule, und davon profitieren zwar vereinzelt Webseiten-Betreiber, aber es fließt kein Geld. Der User zahlt nicht, wenn er sich die neue Folge von “The Office” runterlädt. Oder das neue Album von Anastacia. Es handelt sich nicht um eine illegale Transaktion wie beim Kauf von Drogen oder Diebesgut. Jeder, der von “Diebstahl” redet, sollte sich erst einmal mit der Frage auseinandersetzen, wie etwas gestohlen werden kann, das dem Besitzer ja in seiner ursprünglichen Form verbleibt.

FAKT: Die Berechnungen, wieviel Geld durch Raubkopien verloren geht, sind reine Spekulation. Sie werden meist von denen angestellt, die ein Interesse daran haben, ihre Schäden hochzurechnen. Niemand kann berechnen, wieviele Konsumenten ein Original gekauft hätten, wenn sie die Finger von der Raubkopie gelassen hätten. Seit den 80ern kursieren immer wieder Milliardenzahlen, ohne eine messbare tatsächliche Auswirkung auf die Branche zu haben. Firmen scheitern gemeinhin nicht, weil ihre tollen Produkte raubkopiert werden - sondern weil sie schlechte Produkte herstellen.

FAKT: Der Kampf gegen Raubkopien trifft die Falschen, ist uneffektiv, und unredlich. Es ist erstaunlich, dass die Branche immer noch damit durchkommt, “Raubkopierer sind Verbrecher” als Slogan einzusetzen, ohne Ärger mit den Verbraucherschützern zu bekommen. Es ist nachgewiesenermaßen falsch. Und die meisten Maßnahmen gegen Raubkopien treffen die ehrlichen Käufer, die sich mit DRM, geschützten CDs (samt Rootkit), Lizenzen, und Sicherheitsabfragen herumschlagen müssen. Wer Kunden derart drangsaliert, statt einen Mehrwert zu bieten, darf sich nicht wundern, wenn die Kunden lieber zur “ungebundenen” Raubkopie greifen.

FAKT: Die Industrie weigert sich weiterhin, ihre Gewinnmarge an den Vertriebsweg anzupassen. In den 80ern wurde weithin moniert, Musik-CDs seien zu teuer. Die Hersteller argumentierten mit hohen Produktionskosten, und vielen Zwischenstufen (Herstellung, Booklet-Druck, Vertrieb, Ladenmiete). In den 90ern wurden den CD-Herstellern in den USA illegale Absprachen nachgewiesen, durch die der  Preis künstlich hoch gehalten wurde - zum Schaden der Konsumenten. Mittlerweile kann man neue Alben auch im Internet kaufen - dabei müssen die Firmen keine Rohlinge mehr brennen, keine Booklets mehr drucken, keine CDs mehr ausliefern, und der Händler muss keine Ladenmieten und Verkäufer mehr bezahlen. Trotzdem zahlt man in der Regel genau so viel, oftmals mehr, als bei einer herkömmlichen CD. Die Eigenleistung, die der Kunde nun erbringt (Download, inklusive Zusatzkosten für CD-Rohling und Labeldruck) hat zu keinem Preisnachlass geführt, der eigentlich selbstverständlich sein sollte. Im Gegenteil: u.a. Itunes wird immer wieder unter Druck gesetzt, die Preise noch zu erhöhen.

Ich will Raubkopien nicht rechtfertigen, und auch nicht schönreden - illegal bleibt illegal, und ich rate dringlich davon ab. Künstler und Produzenten haben ein Anrecht, für ihre Arbeit bezahlt zu werden.

Aber nach 30 Jahren Raubkopie wäre es vielleicht mal an der Zeit, das gesamte Konstrukt der Branche neu zu durchdenken, sich über Copyright, Lizenzen und Vertriebsmodelle Gedanken zu machen. Das ist kein Thema exklusiv für merkbefreite Politiker (die Egoshooter tatsächlich “Tötungstrainingssoftware” nennen) und Lobbyisten.

Der “Wolverine”-Workprint sollte ein Anlass sein - nicht zur Panik, sondern zu Diskussion.